Die FIFA WM in Russland – Zwischen Isolation und Inszenierung

Von Benjamin Schacherl

„Sie können mich beim Wort nehmen: Wir geben uns jede Mühe, dass sich unsere Gäste wohlfühlen“, sagte der damalige russische Ministerpräsident und heutige Premier Vladimir Putin am 2. Dezember 2010, nachdem sein Land von der FIFA den Zuschlag für die Weltmeisterschaft erhalten hatte. Es war die Ankündigung eines Staatsoberhauptes, das sein Land in einer wirtschaftlich stabilen Lage ahnte.

Acht Jahre später findet sich das größte Land der Welt ökonomisch und politisch betrachtet in einer stark veränderten Situation wieder. Mit etwas Zeitverzögerung hat die globale Wirtschaftskrise auch in Russland ihre Spuren hinterlassen. Nach der Annexion der ukrainischen Krimhalbinsel 2014 sprach die westliche Staatengemeinschaft Wirtschaftssanktionen gegen Russland aus, unter denen die Wirtschaft ebenfalls leidet. Die diplomatischen Konflikte haben sich angesichts der russischen Unterstützung von Syriens Machthaber Baschar al-Assad und dem Giftgasanschlag auf einen britischen Geheimagenten zusätzlich verschärft. Zuletzt wiesen 25 Staaten rund 150 russische Diplomaten aus, Moskau reagierte mit den gleichen Mitteln. Die Delegationen von England und Island boykottieren das Turnier. Die Konfliktlinien zwischen dem Westen und Russland haben sich seit der WM-Vergabe 2010 derart verfestigt, dass zahlreiche politische Beobachter bereits Vergleiche mit der Zeit des Kalten Krieges ziehen.

Nun ist zwischen 14. Juni und 15. Juli die Welt zu Gast in Russland. Die Organisatoren sowie der Kreml sind sich der Bedeutung des Turniers bewusst. „Unsere politischen Führer haben verstanden, dass Sport ein Teil unserer Außenpolitik ist“, sagte Alexej Sorokin als Geschäftsführer des russischen Fußballverbandes 2008. Heute ist Sorokin Organisationschef der WM. Für Putins Russland ist die Weltmeisterschaft eine Bühne. Dass Machthabende Sportevents als Propagandaplattform benützen, ist gewiss keine neue Erscheinung. Im Fall von Russland soll die ganze Welt vor Augen geführt bekommen, dass das Land 27 Jahre nach dem schmerzvollen Zusammenbruch der Sowjetunion in der Lage ist, die Herausforderungen eines Großturniers zu meistern.

Ob im Licht der Weltöffentlichkeit neben der Inszenierung und dem sportlichen Geschehen Raum bleibt, um einen Blick auf die menschenrechtlichen Missstände zu werfen, ist zu bezweifeln. Das liegt vor allem an der staatlichen Unterdrückung der Zivilgesellschaft und der mangelnden Pressefreiheit. Die Rangliste der Pressefreiheit von „Reporter ohne Grenzen“ weist Russland auf dem 148. von 180 Plätzen aus. „Russland wird alles dafür tun, damit ausländische Journalisten nichts Negatives sehen“, sagt Susanne Scholl, die von 1991 bis 2009 ORF-Korrespondentin in Russland war.

Zu berichten gäbe es genügend: Seit Juni 2013 ist ein Gesetz in Kraft, das positive Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen unter Strafe stellt. Das russische Onlineportal für Schwule, Lesben und Transpersonen, gay.ru, ist seit Ende März gemäß einem Gerichtsbeschluss nicht mehr abrufbar. Die Homepage würde „nichttraditionelle sexuelle Beziehungen“ verherrlichen, so die Argumentation. Ähnlich schlecht steht es um die Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Bei Protestkundgebungen im vergangenen Jahr wurden laut „Amnesty International“ hunderte friedlich Demonstrierende, Passanten und Journalisten festgenommen. Viele von ihnen „wurden über lange Zeiträume willkürlich in Haft gehalten und in unfairen Verfahren zu hohen Geldstrafen oder mehrtägiger Verwaltungshaft verurteilt“, schreibt Amnesty in seinem Länderbericht.

Insbesondere angesichts solcher Negativberichte wird die russische Regierung alles daran setzen, dass während der fünf Turnierwochen ein makelloses Image des Landes transportiert und Putins Versprechen aus dem Jahr 2010 als eingelöst betrachtet wird.