Die Weltmeisterschaften der Menschenrechtsverletzungen

Von Franziska Temper

Zürich, Dezember 2010, die ganze Welt staunt: FIFA-Präsident Sepp Blatter gibt die Entscheidung für den Zuschlag der WM-Endrunden 2018 und 2022 bekannt.
Der Zuschlag für 2018 ging an Russland, anschließend durfte Katar über die Ausrichtung 2022 im eigenen Land jubeln. Immer lauter wurden die kritischen Stimmen an der Glaubwürdigkeit des Vergabeverfahrens und der FIFA als Ganzes. Der Weltverband brauchte eineinhalb Jahre, um zu reagieren. Michael J. Garcia wurde als Vorsitzender der FIFA-Ethikkommission damit beauftragt, die Korruptionsvorwürfe rund um die Vergabe der WM an Russland sowie Katar zu untersuchen. Als die FIFA-Führung entschied, den brisanten „Garcia-Bericht“ nicht zu veröffentlichen, trat Garcia im Jahr 2014 resigniert zurück.

2015 beauftragte man den Harvard-Professor und ehemaligen UN-Sonderbeauftragten für Wirtschaft und Menschenrechte, John Ruggie. Er sollte die Achtung der Menschenrechte in die FIFA-Aktivitäten integrieren und verfasste einen Bericht, der unter anderem Empfehlungen enthielt, wie die FIFA Menschenrechte in ihrer alltäglichen Arbeit und rund um die Sportgroßereignisse besser wahren könnte. Jedoch bleibt offen, wie viel die FIFA davon bei den nächsten WM-Vergaben umsetzen wird. An den Austragungsländern Russland und Katar scheint es kein Vorbeikommen mehr zu geben, obwohl sich John Ruggie im Falle von Katar sogar für eine Entziehung der Austragungsrechte bei Nichteinhaltung der Menschenrechte ausspricht.

Sei es wie es sei, vom heutigen Standpunkt aus sieht es nicht danach aus, als ob noch an den Austragungsstandorten gerüttelt wird. Was ist nun konkret bei Menschenrechtsverletzungen bei den bevorstehenden Fußballmegaevents zu erwarten?

Katar wird vom Amnesty International bereits als „WM der Schande“ betitelt. Bevor es soweit ist, steht uns noch die WM in Russland 2018 bevor. Hinsichtlich Menschenrechtsrisiken sind Sportgroßveranstaltungen nicht die Grundursache des Übels, aber sie können durchaus dazu beitragen, diese zu verstärken. Sogenannte Mega-Sport-Events (MSEs) sind immer mit erhöhtem Sicherheitsaufkommen und der Zurschaustellung als gutes Gastgeberland verbunden. Russland ist ohnehin für Prunk und Protz sowie für eine repressive Politik bekannt. Durch die WM wird es vor allem zu starken Einschränkungen der Meinungs- und Versammlungsfreiheit kommen. Minderheiten und bereits benachteiligte Gruppen werden weiterhin diskriminiert und ins Abseits gedrängt.

Homophobie wird aufgrund des „Propaganda- Gesetzes“ ein gravierendes Problem darstellen, aber auch Religion und Herkunft werden aufgrund der politischen Lage thematisiert werden. Menschenrechte sieht die Regierung als „Druckmittel des Westens“ zur Destabilisierung des Landes.

Durch verstärkte Polizeigewalt und die Untersagung von Demonstrationen und öffentlichen Versammlungen werden die Versammlungsfreiheit sowie das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit in Mitleidenschaft gezogen. Bei den 2017 bekannt gewordenen Vorfällen aus Tschetschenien wird beispielsweise das absolute Folterverbot verletzt. Die unantastbare Würde des Menschen und der Schutz von Minderheiten werden nicht respektiert.

Die FIFA befände sich in einer Position, in der durchaus mehr Druck auf die Bewerber ausgeübt werden könnte, um die Einhaltung der Menschenrechte zu garantieren. Nach den Vergaben für 2018 und 2022 erfolgt noch dieses Jahr die Entscheidung über den Zuschlag für die FIFA WM 2026. Als Bewerber gehen Marokko und die USA/ Kanada/Mexiko ins Rennen. Um auf die nicht abreißende Kritik rund um die letzten beiden WM-Vergaben zu reagieren, überarbeitete die FIFA ihr Bewerbungsverfahren für 2026. Nachhaltigkeit und Menschenrechte wurden in den Kriterienkatalog aufgenommen. Laut besagtem Dokument verpflichtet die FIFA alle Stellen, die an der Veranstaltung und Durchführung der WM 2026 beteiligt sind, die Grundsätze nachhaltigen Veranstaltungsmanagements und die international anerkannten Menschenrechte nach Maßgabe der Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte der Vereinten Nationen einzuhalten. Dafür müssen die Bewerber diverse Unterlagen hinsichtlich unterschiedlicher Menschenrechtsthematiken einreichen. Wie sich Menschenrechte und Nachhaltigkeit dann tatsächlich auf das Ergebnis auswirken, wird die große Öffentlichkeit erst rund um den FIFA Kongress am 13. Juni erfahren. Man darf gespannt sein, ob die FIFA nun aus ihren Fehlern gelernt hat oder die neuen Maßnahmen nur unbedeutende Tinte auf einem Stück Papier bleiben.

Eine Langversion des Beitrags ist im „Spieler“ Nr. 49, dem Magazin der Vereinigung der Fußballer, erschienen. Das Magazin zum Download gibt es hier: www.spielermagazin.at